Co-Being House

100-Euro-Wohnung* und das Cobeing House

(for english read Paderborner SJ blog here)

Ist eine Wohnung mit Bad, Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer auf einer Fläche von 6 Quadratmeter möglich? Ja, behauptet der Architekt Van Bo Le-Mentzel von der tinyhouse University. Die 100-Euro-Wohnung ist 2 Meter breit und 3,20 Meter lang.Das Besondere: Die Wohnung soll den Mieter maximal 100 Euro warm im Monat kosten, inklusive Strom, Heizung und Internet. Die geringe Wohnfläche macht es möglich. Warum man sich in der Ministube nicht eingeengt fühlt, hat etwas mit der Deckenhöhe von 3.60 m zu tun. Die 100 Euro Wohnung ist ein Raumwunder. So wird der Raum oberhalb des Badezimmers als Obergeschoss genutzt, den man als Stauraum, Schlaf- oder Arbeitsplatz ausbauen kann. Ein 2 Meter hohes Sprossenfenster im Wohnzimmer erinnert eher an eine barocke Stube als an einen Neubau.“Die Effizienz der Raumorganisation kommt vom Bauhaus, und die Ästhetik der Proportionen aus dem Barock” erklärt Le-Mentzel “deshalb nenne ich den Baustil Bauhaus-Barock“. Tatsächlich mutet die Fassade mit seinen hochformatigen Sprossenfenstern und dem Giebeldach und Gauben eher an eine Gründerzeit-Fassade aus dem 19. Jahrhundert an. Auch vor Stuck und Ornamenten schreckt der Architekt, der mit den Hartz IV Möbeln bekannt wurde, nicht zurück. Die werden allerdings mit einem 3D Drucker aus recyceltem Plastik hergestellt.

Eine Community-Maschine

Ein zentraler Bestandteil der 100-Euro-Wohnung-Idee ist der 42 Quadratmeter große Gemeinschaftsbereich in der Mitte. “Ich nenne diese Fläche Co-Being Space“, so Joachim Klöckner, Energieberater und Minimalismus-Coach bei der tinyhouse University. “
Dort kann gemeinsam gekocht, gegessen, gespielt und gearbeitet werden.” Diesen Co-Being Space gestalten entweder die Mieter gemeinsam oder er wird von einem Floor-Manager betreut und gestaltet. Der Unterschied zu einer WG: Jeder Mieter hat ein eigenes Bad und eine eigene Küche und kann sich bei Bedarf von der Gemeinschaft zurückziehen. Auf diese Weise erhoffen wir uns eine gesündere ungezwungenere Community-Dynamik. Die Effizienz ist inspiriert von Le Corbusier, der seine Wohnungsideen als “Wohnmaschine” bezeichnete. Das Co-Being House setzt vor allem auf die Community. Eine Community-Maschine.

Der Smart unter den Wohnungen

Mit der 100-Euro-Wohnung will Le-Mentzel den Smart unter den Wohnungen anbieten. In der Automobilwelt hat der Smart die Auswahl an Autogrössen facettenreicher gemacht, ohne ein Dritte-Klasse Gefühl aufkommen zu lassen. “Architekten, Städteplaner und Investoren erschaffen in ihren kleinsten Grundrissen meist überteuerte VW-Polo Wohnungen, wo die Mieter teilweise mehr als 20 Euro pro Quadratmeter zahlen.” sagt Le-Mentzel.
In Grossstädten zahlt man in der Tat nicht selten mehr als 300 Euro für gerade mal 12 Quadratmeter großes WG-Zimmer ohne eigenes Bad und eigene Küche. “Meine Vision ist es en Masse in allen Städten 100-Euro-Wohnungen anzubieten, damit ein wenig Druck aus dem überhitzten Immobilien-Kapitalismus genommen wird.”

Ein neuer Wohntypus revolutioniert die Stadt

Wenn es in in jeder Stadt 100-Euro-Wohnungen gäbe, würde das den gesamten Blick auf unseren Wohlfahrtstaat und Flüchtlingspolitik verändern. Man bräuchte keine Flüchtlings- und Obdachlosenheime mehr. Ein Bettler kommt allein durchs Betteln oder Flaschensammeln auf einen Monatsumsatz von 200 bis 400 Euro im Monat.
Die Durchmischung ist wichtig. Den Co-Being Space bevölkern im besten Fall Menschen aus allen Gesellschaftsschichten: Jetsetter, Rechtsanwältinnen, Ärztinnen, Pflegerinnen, Studierende, Junge und Alte, Gesunde und Pflegebedürftige. Der Co-Being Space ist eine Mischung aus Co-Working, Kulturzentrum und Mehrgenerationenhaus und kann für einen anderen sozialen Kitt sorgen als Hausprojekte, die rein für Demente, Geflüchtete, Studierende oder Existenzgründerinnen gedacht sind.

Neues Wohnen für eine wandelnde Gesellschaft

Eine vierköpfige Familie würde vier Wohnungen mieten für 400 Euro.

Die überschüssigen Bäder können Sie als begehbare Kleiderschränke nutzen. Die Wohnungen können zu Zwei-, Drei- oder Vierzimmerwohnungen gekoppelt werden. Eine Anwaltsozietät könnten 12 Wohnungen als Einzelbüro nutzen und den Co-Being-Space in der Mitte als Besprechungsraum oder Beratungsfläche. Kliniken können die Wohnungen als Patientenzimmer nutzen und den Co-Being Space als Gemeinschaftsbereich oder Kantine.

Mannigfaltig sind die Szenarien, wenn man sich Mischnutzungen vorstellt von Kultur und Pflege, Kunst und Gastronomie, Kita und Seniorenresidenz, Bildung und Büro usw. Für alle gilt der Mietzins von 100 Euro pro Wohnung. Auf diese Weise soll eine Bevorteilung von kapitalstarken Mietern verhindert werden.

Attraktiv für Investoren

Für Investoren ist das trotz der niedrigen Einnahme pro Wohnung ein lukratives Geschäft: Sie können mit einem Return on Invest von 11 Euro pro Quadratmeter rechnen. Der Bau wäre somit in weniger als zehn Jahre abbezahlt. Für Banken ein gutes Argument.

Damit eine Slumisierung und der Missbrauch durch Spekulanten verhindert wird, wird der monatliche Mietzins auf 100 Euro gedeckelt. Da kategorisch auf einen Fahrstuhl (der die Betriebskosten in die Höhe treiben würde) verzichtet wird, ergibt sich eine maximale Geschosshöhe von drei Obergeschossen. Das soll die Anonymität im Haus minimieren. Auf einer Etage leben 24 Mieter in 100-Euro-Wohnungen und teilen sich zwei Co-Being Spaces von insgesamt 84 qm Fläche. In einem gewöhnlichen Co-Being Haus mit drei Obergeschossen würden mehr als 72 Menschen untergebracht werden können. Im Erdgeschoss sind Ladenflächen und rollstuhlgerechte Wohnungsgrundrisse mit größeren Grundrissen vorgesehen. Doch auch hier gilt das “Co-Being” Prinzip. Eine Gemeinschaftsfläche in der Mitte bringt verschiedene Nachbarn zusammen.

Die 100-Euro-Wohnung und das CoBeing-House sind ein konstruktiver Beitrag der tinyhouse University für die Debatte, wie wir gute Nachbarschaften und ein würdevolles Miteinander ermöglichen in einer Welt, in der die Schere zwischen arm und reich aufgeht und in nicht allzu ferner Zukunft 10 Millarden Menschen wohnen, arbeiten, spielen, lieben und flüchten werden.

Kann das Co-Being House das Wohnungsproblem lösen?

In deutschen Großstädten wie Berlin fehlen jährlich 2000 mietpreisgebundene Wohnungen. Theoretisch hätte man mit nur 20 Co-Being Häusern pro Jahr diesen Bedarf gedeckt. Noch können sich viele nicht vorstellen, in einer solch kleinen Wohnung zu leben.

Am 9. November 2017 wird ein mobiler Showroom als 1:1 Modell in Berlin vorgestellt. In dieser Musterwohnung Interessierte probewohnen. Das so genannte #tiny100-Modell (gebaut von Christian Bock) dient als Forschungsobjekt. Unsere Erfahrungen aus der Tinyhouse Bewegung, wo die Häuser ähnliche Größen haben, zeigen uns, dass die Größe nicht entscheidend ist. Eine intakte Nachbarschaft und die Qualität der Rückzugsmöglichkeiten machen das perfekte Zuhause ist.

Exterior:

Interior:

Design Team:

Van Bo Le-Mentzel & Leonardo Di Chiara


* In anderen Ländern wird die Idee unter ähnlichen Namen eingeführt. Z.B in den USA als 100-Dollar-Apartment. Colombia: Apartamento 300 Mill Pesos. Brazil: Apartamento 400 REAIS

Text by Van Bo Le-Mentzel. Drawings by Leonardo Di Chiara and Van Bo Le-Mentzel.